Kann ich schwule Stories schreiben?

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Warum ich als Frau in diesem Genre schreibe? Die Frage hat sich mir selbst nie wirklich gestellt, denn in meinem engen Freundeskreis sind fast alle Männer schwul. Ist halt so, und für diese Freunde habe ich – bis Mai 2014 ansonsten unveröffentlicht – schon seit Jahren Stories geschrieben. Für schwule Männer, über schwule Männer.


Die Frage „Warum schreibst du schwule Bücher?” wurde mir schon häufig gestellt, meistens von Heteros, mit einem neugierigen Unterton. Zuerst einmal gebe ich dann sinngemäß die oben zitierte Antwort, oft begonnen mit einem „Warum nicht?”

Denn für mich ist es nun mal völlig normal. Diese Antwort ist aber auch so eine Art Sondieren: Bei allem ggf. dahinter stehenden Interesse kann man die Hetero-Fragesteller danach grob in zwei Gruppen teilen.
Die einen nicken, als ob sie es dadurch verstanden haben (obwohl sie es wahrscheinlich nicht wirklich tun) und lassen es auf sich beruhen. Manchmal merkt man richtig, wie peinlich es ihnen ist.
Die anderen, die dem Thema offener gegenüber stehen, fragen nach anfänglichem, teils verlegenem Zögern weiter. Z.B. wie ich dazu gekommen bin, und woher ich etwas über schwulen Sex weiß.  Auch manche Schwule haben mir diese Fragen schon gestellt.

Wenn ich dann erkläre, dass ich mit meinen Freunden sehr offen über den schwulen Sex rede, entstehen daraus ab und zu äußerst interessante Gespräche. Gerade schwule Männer finden es oft gut, dass ich so offen mit dem Thema umgehe. Einige von ihnen haben mir auch schon Tipps gegeben, und manchmal haben sich aus solchen Gesprächen wunderbare Kontakte bis hin zu guten Freundschaften entwickelt.

Im Großen und Ganzen sind die Gespräche mit den schwulen Fragestellern lockerer, bisher wurde ich dabei auch noch nie von der Seite her angemacht. Mir ist durchaus klar, dass es auch unter Homosexuellen Intoleranz gibt. Sie kommt nur meiner Meinung nach sehr viel seltener vor, weil Schwule (ebenso wie alle anderen „Nicht-Heteros”) leider immer noch auf irgendeine Art und Weise im Alltagsleben darum kämpfen müssen, akzeptiert zu werden. Deshalb sind sie in meinen Augen auch oft sehr tolerant anderen gegenüber. Ich habe es selten anders erlebt.

Neulich Abends saß ich mit Bekannten in großer Runde in einer Kneipe und wir haben uns über meine Stories unterhalten. Es saßen Leute mit am Tisch, die ich bis dahin nicht kannte, darunter auch ein schwules Pärchen. Ich war erst einmal ziemlich verdattert, als mich einer der beiden gefragt hat, warum ich mir anmaße, über schwulen Sex zu schreiben. In einem fast schon verächtlichen Tonfall. „Warum schreiben Frauen schwule Bücher? Warum schreibst du nicht etwas, von dem du Ahnung hast?”

Öhm … Grundsätzlich sehe ich es mal so: Ich muss etwas nicht unbedingt selbst erlebt haben, um darüber schreiben zu können. Krimiautoren bringen auch nicht erst jemanden um, bevor sie über einen Mordfall schreiben, oder? Es ist doch eigentlich nur wichtig, dass ich genügend richtige Hintergrundinformationen über ein Thema habe und sie in meinen Texten auf lesenswerte Art verwenden kann. Ich denke mal, dem ist so.

Ich hab die beiden gefragt, ob sie jemals eine Gay-Geschichte von mir oder einer anderen Frau gelesen haben. Die Antwort war nein. So was lesen sie nicht. Gaystories allgemein nicht? Doch, natürlich, die schon. Aber nicht, wenn sie von einer Frau geschrieben sind. Aha. Sie haben mir dann einige Autorennamen genannt, die sie lesen. Darunter auch einer, bei dem ich 100%ig weiß, dass dahinter eine Frau steckt. Ich hab es mir verkniffen, ihnen das unter die Nase zu reiben. Aber da war dann doch dieser Gedanke Na wartet, euch zeig ich es. Ich habe auf meinem Smartphone eine der Sexszenen aus Winterhimmel aufgerufen und durchblicken lassen, dass es von Autor XY ist. Sie haben die Szene gelesen, und es hat ihnen gefallen.

Ich gebe zu, ich konnte mir das süffisante Grinsen nicht verbeissen, als einer der beiden meinte: Der Autor weiß wenigstens, wovon er schreibt. Offenbar kann ich also durchaus schwule Stories schreiben, die nicht nur Frauen, sondern eben auch schwulen Männern gefallen. Gut zu wissen. Nein, ich konnte es mir nicht verkneifen, so souverän bin ich leider nicht. Ich hab das Cover aufgerufen und ihnen gesagt, dass es von mir ist. Auch wenn es vielleicht kindisch war, den kleinen Triumph musste ich mir einfach gönnen. Es ist mir auch ehrlich gesagt egal, dass sie sauer waren, weil ich sie herein gelegt habe. Ich muss nicht mit allen Schwulen befreundet sein.

Sorry, aber bitte zuerst lesen, bevor man ein Urteil fällt. Oder, wenn man es nicht lesen will, dann bitte auch nicht darüber urteilen. Aber wenn man seine Vorurteile mal außen vor läßt, sieht man manches anders. Das gilt für alles im Leben, und für jeden von uns.

In diesem Sinne, bis nächste Woche

Eure Chrissy

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