Ohnmächtige Wut

Das Wort zum Sonntag stammt diese Woche nicht (nur) von mir. Den unten stehenden Text habe ich am Mittwoch von einer Mutter erhalten, die selbst keine Möglichkeit hat, ihn zu veröffentlichen und mich darum gebeten hat. Sie möchte namentlich nicht genannt werden, damit man durch den Namen keine Rückschlüsse auf ihre Tochter und ihre Familie ziehen kann. Das kann ich gut verstehen.
Nein, es geht nicht um Edathy persönlich, aber um alle Edathys dieser Welt an sich.
Man macht sich immer Gedanken darüber, findet es furchtbar, aber kann man wirklich nachvollziehen, wie es den Betroffenen geht? Welche Auswirkungen das haben kann? Ich konnte es vor diesem Brief nicht. Obwohl ich es mehrfach gelesen habe und weiß, was in diesem Text auf mich wartet, empfinde ich ohnmächtige Wut, bin geschockt und traurig. Das ist schrecklich. Mein Mitgefühl gehört allen Betroffenen, und die Edathys dieser Welt sollten nicht mit einer lapidaren Geldstrafe davon kommen. Lest selbst:


Es war einmal …
Beginnen so nicht alle Märchen? Oder zumindest viele Geschichten? So soll denn auch meine Geschichte mit einem Es war einmal  anfangen, aber seid gewarnt: Nicht alle Märchen enden gut und nicht allen ist ein Happy End beschieden.

Es war einmal ein kleines goldiges Mädchen. Goldig war sie im wahrsten Sinne des Wortes, ihr Haar kringelte sich in kleinen lustigen, hellblonden Locken auf ihrem Kopf und auch ihr Gemüt war strahlend. Auf allen Bildern, die ihre Eltern von ihr haben, sieht man ein lachendes, glückliches Kind, das von den Eltern ebenso geliebt wurde, wie die zwei großen Schwestern.
Sie lebte in einem großen Haus mit mehreren Familien und einem großen begrünten Hinterhof, in dem alle Kinder nach Herzenslust spielen durften. Denn hier drohte keine Gefahr, keine Autos, keine Busse oder LKW bedrohten das fröhliche, selbstvergessene Spiel der Kinder. Hier tat die Kleine ihre ersten hoffnungsfrohen Schritte, lernte Roller fahren und dann recht früh, wie man das Gleichgewicht auf einem Fahrrad hielt.
Sie tobte und lachte, wie alle Kinder, die die Chance haben, behütet aufzuwachsen. Bald schon tat sie es ihren Schwestern gleich und ging in die Schule. Stolz trug sie am ersten Schultag ihren Tornister auf dem Rücken und die große, viel zu schwere Schultüte im Arm. Die Großeltern lachten und sagten: „Sieh mal, da geht ein Tornister spazieren!“
Das erste Schuljahr war toll. Schnell gewann sie Freunde, hatte Spaß am Lernen. Aber für alle unerwartet änderte sich dies im zweiten Schuljahr. Plötzlich verlor sie die Lust an der Schule, klagte über Magenschmerzen oder Kopfweh, wenn die Mutter sie morgens weckte. Ihre Noten wurden schlechter und die Lehrerin vermutete eine Überforderung. Die Eltern wollten ihrem Goldlöckchen die gleichen Chancen einräumen, wie ihren anderen Kindern und suchten Hilfe für ihr Kind.
Sie bekam eine Ergotherapie und Nachhilfe im Rechnen und Schreiben. Es nutzte nichts, weil sie jede Hilfe verweigerte. Nach und nach verlor sie ihr wunderschönes Lächeln. Die Eltern waren ratlos, versuchten es mit Strenge, mit Regeln und noch mehr Liebe. Doch das kleine Mädchen verschloss sich immer mehr. Als sie im dritten Schuljahr zurückversetzt wurde, gab sie die Schule für sich selber verloren, in dem festen Glauben, sie sei zu dumm.
Kein Zureden half, sie wurde blass und dünn, die Eltern waren ratlos, ebenso der Kinderarzt. Eine schulmedizinische Begutachtung versicherte eine normale Intelligenz. Als die Mutter eines Abends alte Fotos ansah, erschrak sie furchtbar, denn ihr wurde bewusst, ihr Goldkind hatte sein wunderschönes Lachen verloren. Kurzentschlossen cancelte sie alle Fördertermine, die die Woche volldrängten und erklärte allen, dass sie lieber wieder ein lachendes Kind hätte, als ein Kind das nur traurig war und vollständig überfordert.

In einem Märchen würde nun alles wieder gut werden, denn siegt die Liebe am Ende einer Geschichte nicht immer?

Leider ist diese Geschichte noch nicht zu Ende, denn das kleine Mädchen konnte durch ihre schlechten Noten nicht auf die weiterführende Schule, zu der sie wollte, sondern ging auf eine Hauptschule, geriet an die falschen Freunde und widersetzte sich jeder Autorität. Sie war wie ein kleiner Igel, der die Stacheln aufstellte.
Bevor ihr jemand weht tat, tat sie lieber allen anderen weh, ließ niemanden mehr an sich heran, nur zu Hause war sie noch das kleine süße Mädchen. Die Eltern bemerkten ihre tiefe Verzweiflung, halfen ihr mit jeder Möglichkeit, die sich finden ließ. Irgendwann bemerkte dieses inzwischen junge Mädchen selber den Irrweg, auf dem sie sich befand und erklärte sich mit dem Plan der Eltern einverstanden, die Schule zu wechseln und von vorne zu beginnen.
Hoffnungsfroh startete sie mit dem achten Schuljahr in einer anderen Hauptschule, voller Pläne und voller Hoffnung auf eine Veränderung in ihrem Leben, bis sie eines Tages mit einem Krampfanfall zusammen brach. Sie hatte Epilepsie wie ihre mittlere Schwester, die jedoch dank hervorragender Medikamente weitgehend anfallsfrei blieb. Nicht so dieses kleine Mädchen, die ihre blonden Locken mittlerweile schwarz färbte, bevorzugt schwarze Kleidung anzog und sich jeden Tag so stark schminkte, dass es schien sie trüge eine Maske.
Die Krampfanfälle häuften sich, doch konnte das kleine Mädchen nicht auf Medikamente eingestellt werden, denn ihre Epilepsie war psychologischer Natur. Wieder und wieder suchten die Eltern Hilfe, wieder und wieder konnten sie nur hilflos zusehen und miterleben, wie das Mädchen wegen dieser plötzlich auftretenden Anfälle in ihrer Schule auf das heftigste gemobbt wurde.
Nach jedem Krampfanfall, bei dem sie sich auch das eine oder andere mal verletzte, wegen den damit verbundenen Stürzen, tauchten böse und vernichtende Kommentare in „sozialen“ Netzwerken auf. Bis auf ein, zwei wirkliche Freunde, war sie isoliert. Je mehr sie in der Schule litt, desto häufiger wurden die Krampfanfälle. Die Fehlstunden häuften sich in einer Weise, dass sie bei den Lerninhalten nicht mehr mithalten konnte. Nach anfänglicher Verbesserung in dieser neuen Schule stürzten ihre Schulnoten erneut in den Keller, obwohl ihr Sozialverhalten diesmal ohne Beanstandung war.
Für ein Kind, das eh glaubt für die Schule zu dumm zu sein, ein vernichtendes Ergebnis. Mittlerweile war das hübsche Mädchen seit zwei Jahren in einer engen psychologischen Behandlung. Schweren Herzens gaben die Eltern den Ratschlägen der Fachleute nach und erlaubten ihrem Kind nach dem neunten Schuljahr, die für sie unerträglich gewordene Schule zu verlassen. Die Krampfanfälle wurden seltener, hörten jedoch nie auf. Sie wird nie einen Führerschein machen können, hat keinen Schulabschluss und große Schwierigkeiten einen Job zu bekommen. Welcher Arbeitnehmer würde schon das Risiko eingehen, dass sie sich bei ihrer Arbeit verletzt, ganz zu schweigen von ihrem nicht vorhanden Abschlusszeugnis.

Die Therapeutin fand den Grund für die Ängste meines Kindes, nur helfen konnte sie ihr nicht.

Warum ich das alles hier schreibe? Damit die Edathys dieser Welt sich Gedanken darüber machen, welche Folgen ihre Handlungen haben.

Für sie mögen es einige lustvolle Minuten sein, die für meine Tochter Konsequenzen haben, die sie ihr gesamtes Leben verfolgen werden. Ich würde zum Abschluss gerne sagen „und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“, aber wir befinden uns nicht in einem Märchen, in denen die Bösen immer ihre gerechte Strafe erhalten.  (Ende des Briefes)


Schock und ohnmächtige Wut, immer noch. Ich wage mir nicht vorzustellen, wie es den Betroffenen gehen muss.

Erst recht in Bezug darauf: Es gibt den Artikel Reaktionen auf Edathy-Urteil: Das ungesunde Volksempfinden* auf Spiegel online, in dem Jakob Augstein Sätze schreibt wie: „Beim Thema Pädophilie äußert sich das ungesunde Volksempfinden. Die mangelnde Barmherzigkeit, die man dem Täter vorwirft, die zeigt man selber” und sogar die Frage stellt: „Die vollständige Vernichtung der sozialen Person – warum genügt das den Eiferern in dieser Sache nicht als Strafe?”
Diese Frage könnte Jakob Augstein sich vielleicht selbst beantworten, wenn er die Worte einer betroffenen Mutter oben lesen würde. Man sollte sich mehr Gedanken um die wahren Opfer machen, finde ich. Soll ich im Ernst Mitleid mit Pädophilen oder mit Edathy haben, weil er selbst verantwortlich dafür ist, dass er „sozial vernichtet” ist? Auch die Wortklaubereien rund um das nicht existente Urteil und den Begriff Schuld hätte sich Augstein meiner Meinung nach sparen können. Herr Edathy hat, ungeachtet der Tatsache, dass er dadurch eine Verurteilung vermieden hat, ein Geständnis abgelegt.
„Die Vorwürfe treffen zu“, ließ Edathy durch seinen Anwalt verlauten. „Ich habe eingesehen, dass ich einen Fehler begangen habe. Ich habe dazu lange gebraucht.“ Wenige Stunden später dann zu behaupten, er sei unschuldig, zeigt doch nur, dass eine Lücke im deutschen Rechtssystem ausgenutzt wurde. Von wahrer Reue fehlt da meiner Meinung nach jede Spur. Offziell und formal ist durch die Einstellung des Verfahrens kein Schuldspruch ergangen, das stimmt. Aber dass er nicht rechtskräftig als „schuldig“ verurteilt wurde, ändert nichts daran, dass Edathy sich zu den Vorwürfen bekannt hat. Es fehlt der Schuldspruch, deshalb ist der geständige Angeklagte unschuldig? Für mich – und eben auch für viele tausende andere Menschen – ist er nicht unschuldig.
Ja, ich weiß. Mit dem Geständnis hat er nur eingeräumt, die Dateien heruntergeladen und angeschaut zu haben. Dass es Kinderpornografie war, hat er damit nicht zugegeben. Laut Staatsanwaltschaft sind diese Dateien kinder- und jugendpornografisch. Wenn dem nicht so wäre, hätte man wohl keine Anklage erhoben. Aber vielleicht hatte die Staatsanwaltschaft ja auch sonst gerade nichts zu tun?

Der Artikel von Jakob Augstein  ist in meinen Augen nach der Einstellung des Verfahrens ein weiterer Schlag in das Gesicht der Betroffenen. Hätte Augstein seine grundsätzliche Meinung, dass die breite Masse kein Recht zur Verurteilung eines Täters hat und das den studierten Juristen überlassen soll, in einem anderen Zusammenhang geäußert, würde ich ihm – ebenfalls grundsätzlich – wohl sogar recht geben. Aber es geht in diesem Fall nicht um einen Einbruch oder Steuerhinterziehung. Es geht um die Betroffenen, die Kinder und deren Familien, die mit dem Leid tagtäglich konfrontiert werden, die versuchen müssen, irgendwie damit klar zu kommen.
Wie die Mutter oben geschrieben hat: Die Betroffenen müssen ihr Leben lang mit den Konsequenzen leben. Da ist es meiner Meinung nach durchaus gerecht, wenn die Täter das auch müssen.

Bis nächste Woche

Eure Chrissy

*Es widerstrebt mir, den Artikel zu verlinken. Klicks für Jakob Augsteins Kolumne zu generieren, ist das Allerletzte, was ich möchte. Da ich aber kurze Passagen zitiert habe, muss ich unter Angabe der Quelle darauf hinweisen, dass diese von Jakob Augstein stammen, nachzulesen im Online-Artikel unter der Internetadresse (kein direkter Link):
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-kolumne-zum-fall-edathy-a-1021894.html

Nachtrag: Es ist immer wieder mal auf FB und in anderen Threads unter Kolumnen, in Foren u.ä. zu lesen, dass Edathy sich ja keine Bilder angesehen hat. Dass das nicht bewiesen werden konnte, und deshalb das Verfahren eingestellt wurde. Das ist nicht korrekt.
Das Verfahren wurde nur eingestellt, weil Edathy – verlesen durch seinen Anwalt – ein Geständnis abgelegt hat. Im Spiegel ist nun mittlerweile zu lesen, dass er zwar ein Geständnis abgelegt hätte, aber ja kein Schuldbekenntnis. Unser liebes deutsches Rechtssystem. Die Staatsanwaltschaft hätte sich also nicht mit der für die Justiz wohl zu schwammigen Formulierung „Die Vorwürfe treffen zu. Ich habe eingesehen, dass ich einen Fehler begangen habe. Ich habe dazu lange gebraucht.“ zufrieden geben dürfen, sondern eine klarere Formulierung verlangen müssen, die dann auch als Schuldbekenntnis zu sehen ist. Für mich ist auch das Wortklauberei.
Und das ist für mich blanker Hohn: Die Unschuldsvermutung muss für Edathy nun weiterhin gelten, weil es kein Urteil gibt, das seine Schuld oder Unschuld beweist? Formaljuristisch vielleicht, und unser deutsches Rechtssystem bedarf wohl dringend der Nachbesserung, um solche Schlupflöcher dichtzumachen. Der moralische Aspekt sieht ganz anders aus. Ich bin kein Fan von Til Schweiger, aber mit seinem offenen Brief, in dem er Jakob Augstein antwortet, spricht er mir aus dem Herzen.

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